Feminismus
Künstlerhaus Bremen
Institution
Atelier

26.11.2023

Ich seh‘ kein Außen (Auszug)

Annika Grabold

In der Arbeit ich seh' kein Außen greift Künstler:in Annika Grabold Fragen an das (Selbst-)Verständnis als Künstler:in auf. Grabold lud neun junge Künstler:innen ein, gemeinsam über die eigene Rolle als Künstler:in und die darin verborgene Performativität zu reflektieren. 

Wie sehr hängen unsere Konzepte von Künstler:innentum heute noch an Vorstellungen vom männlichen Genie? Inwiefern wird die Rolle der Künstler:in performt oder gar inszeniert? Ist die Idee der kreativen Selbstverwirklichung vielleicht auch nur eine Form des kapitalistischen Effizienz- und Selbstverbesserungsanspruchs?

Die inszenierten Fotografien zeigen die Künstler:innen in ihren Arbeitsräumen umgeben von Produktionsmitteln, die mal mehr – mal weniger Auskunft über ihre Praxis geben. Der Text zieht die Lesenden in ein Gespräch über das Handlungsfeld von Künstler:innen zwischen Rollenvorstellungen, Produktionsbedingungen und sprachlichem Ausdruck davon.

Annika Grabold "ich seh' kein Außen", 2022

[…] 

Andererseits;
Leute, die den ganzen Tag im Atelier sitzen und Kunst machen,
aber kein Geld verdienen,
das ist auch kein Ideal.
Früher war das vielleicht noch was,
die ganzen Genies,
die in ihren Ateliers
am Hungertuch genagt haben,
das waren die Großen.
Zwar haben die immer gelitten, 
aber nach dem Tod, dann - Glückwunsch.
Aber das ist ja nicht mehr unser Ideal heute. Heute muss alles da sein.
Man muss Geld verdienen, man muss immer erreichbar sein, man darf sich nicht abschotten, man muss immer up to date sein.
Es gibt ja schon diese Diskrepanz zu dem Bild nach außen, wie Künstler*innen arbeiten und es gibt 
diesen riesigen Anteil an nicht-sichtbarer Arbeit, die nicht zum romantischen Bild passt,
aber auch so verdammt unsexy kommt
- Wobei, ich finde es voll wichtig
über diese Unsexyness
irgendwie zu sprechen. 

[…]

Ich hab’ dann versucht darüber nachzudenken
und zu gucken, was gibt’s für Räume, wo ich mich zurückziehen kann,
wo ist das Außen?
Und dann hab’ ich die Erfahrung zu dem Zeitpunkt gemacht:
Ich seh‘ kein Außen.
Selbst dieses Rausziehen ist in der künstlerischen Praxis funktionalisiert.
Es ist mit deiner Person so komisch verwoben.
Dass es nicht klar einfach als ein Beruf definiert ist. Es wird oft als Berufung gesehen, was dann eigentlich auch so ein Rollending negiert. Also du gehst nicht auf die Arbeit und machst dein Ding und abends ziehst du deinen Anzug, oder was auch immer aus.
Sondern es gibt eigentlich keinen Moment, 
wo du nicht deckungsgleich mit diesem Beruf bist…

[…] 

Ich weiß ja nicht, wie der gearbeitet hat so richtig, aber ich stell mir vor, dass er die ganze Zeit so 
rumgewütet hat und
permanent gemacht und
das dann einfach auf die Welt 
losgelassen hat.
Und das wäre eigentlich ein Idealbild
von mir.
Aber was ich gerade bedenklich finde ist, dass ich schon wieder
‘n Bild von ‘nem Genie-Künstler nehme.
Und das war eigentlich der Gedanke, der mir gerade erst bewusst geworden ist.
Ja,
so wie du das beschreibst, hab’ ich auch
‘n Mann,
der so ‘n großes Atelier hat
- und Farbe überall stehn‘
- und überall am wüten ist,
und der macht es - das Bild auch wieder, 
der Künstler 
im Wahn -
im Wahn macht der,
und macht 
und macht,
und da entstehen
irgendwelche Häufchen
mit Sachen.
Ja,
aber wie 
verdient der sein Geld,
wenn der nur
macht und
malt? 

[…]

Ich bin der Meinung, dass es Dinge gibt, die Leuten gefallen
und anderes gefällt anderen.
Bist du ein Genie,
wenn du was hast,
was vielen Leuten gefällt,
die eigentlich unterschiedlicher Meinung sind?
Oder was macht dich denn zum Genie?

[…]

Diese Erzählung von Freiheit ist
eine Freiheit VON.
Losgelöstheit
von Gesellschaft,
das Genie ist frei, weil es
über
der Gesellschaft steht,
transzendiert ist.
- Das impliziert auch, dass er besser ist.
Und natürlich - wer kann das?!
Das können dann vermeintlich nur weiße cis-Männer, weil die keine sozialen Markierungen haben. Und deswegen können die sich über Gesellschaft erheben.
Und alle, die ‘ne soziale Markierung haben, können in so ‘ner Gesellschaft - 
diese Vorstellung von Freiheit lässt sich 
ohnehin nicht übersetzen,
weil niemand über seine Einbettung erhaben ist.
- Aber das produziert noch mal krasser diesen Eindruck von der eigenen Unzulänglichkeit. Oder dem Unvermögen. 
Dass es so schwierig ist zu erkennen,
warum man 
scheitert.

[…]

Allein, als wir hier diese Ausstellung hatten und die Leute mit Geld angekommen sind - unser Atelier sollte offen stehen. Und ich weiß noch, dass wir uns überlegt hatten,
wie wir den Raum gestalten.
…Wir haben hier eine Einkaufsliste geschrieben, mit Obst, Wein und Kippen - so weißte‘,
„Oh, während wir schaffen,
essen wir Nüsse
und trinken Wein
und rauchen dabei
und so weiter“
Haben da Zeitschriften und ‘ne halb offene Flasche Wein -
Mir fällt gerade auf,
wie sehr wir das inszeniert haben!
Um so dieses coole, aber auch produktive Bild zu liefern.
(schweigen) Es war ‘ne Performanz. 
- Und das war ja nicht das rein authentische Bild, so wie wir das hier nennen,
trotzdem war das unser Raum,
in dem wir auch authentisch 
da sind.
Und das ist so sehr spannend. Allein, wenn du deine Wohnung aufräumst, bevor Gäste kommen.

[…]

Das habe ich noch nicht beantwortet - 
Stelle ich das Schaffen dar, 
das Schaffen einer Künstlerin?
Oder stelle ich mich als Persona dar,
als Künstlerin?

[…]

Sie hat mich bekommen
und drei Tage später ist sie wieder arbeiten gegangen. -
…Und sie kämpft immer: Nee,
ich hab’ gearbeitet.
Und so muss man es eben sehen, 
sie hat wirklich gearbeitet, 
ernsthaft
an diesen Objekten.
Und ich saß daneben und sie hat das nebenher 
gemanagt.
Bis jetzt wird das nicht so –
und das haben ganz viele geleistet.

Annika Grabold (* 1995, lebt in Hamburg) ist Künstler:in und Fotograf:in. Dey studierte an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach (2014-2022), der Estonian Academy of Art in Tallinn (2018) und an der Hochschule für bildende Künste Hamburg (2019-2020). Grabold ist seit 2020 Mitglied des Cake&Cash Curatorial Collective, einem feministischen Austausch- und Ausstellungsprojekt.

Die Arbeit war auch Teil der Gruppenausstellung *INNEN vom 15.10.–26.11.2023 im Künstlerhaus Bremen. 

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