Kollaboration
Feminismus
Institution
KH Künstler:innenhaus Bremen
Atelier
Text

17.11.2022

I HAVE THE KEY BUT NOT THE KEY

Mirjam Thomann

Mirjam Thomann, "I Had The Key But Not The Key", 2015 Window splashes (waterbased paints on windows of Mackey apartment, unit #3, 1137 Cochran Av., Los Angeles 90019), digital print, sign stand; Application window splashes: John King, King Sign & Graphic, West Hollywood; Photos: Joshua White

Galerien und alternative Ausstellungsräume gibt es in der Stadt und ihrer Umgebung reichlich, aber nichts ist intimer und unmittelbarer als die Betrachtung von Kunst im Atelier der Künstler*innen selbst. Weiter unten stellen wir Ihnen eine Liste von sowohl historischen als auch zeitgenössischen Studios vor, die Sie besuchen und erkunden können – unvergleichliche Ausstellungsorte, die ihrer Zeit verhaftet und bis heute unsagbar relevant sind.

Mein Studio ist ein Ort und es ist ein Prozess. Dieser Text ist Teil davon. Er muss geschrieben werden. Ich bin spät dran. Wie kann ich mich selbst überlisten? Jeden Morgen, wenn ich aufwache, frage ich mich, wie ich es machen werde. Mit einem Konzept, einer Struktur, werde ich es irgendwie schaffen, ich werde es nicht einmal merken. Ich werde einen versteckten Teil in mir nutzen. Anfänge sind immer schwierig, vielleicht werde ich in der Mitte beginnen. Ich werde den Anfang danach machen und das Ende offenlassen. Ich werde aus der Mitte wachsen. So habe ich es von Chantal Akerman gelernt, die auch gesagt hat: „Um Filme zu machen, muss man aufstehen. Ich werde aufstehen! Filme werden im Stehen gemacht! Lasst uns aufstehen!“ Genau.

Um die Dinge ans Laufen zu kriegen mache ich sie manchmal in der falschen Reihenfolge und zur falschen Zeit. Kennen Sie das Gefühl, eine neue Aufgabe zu beginnen, wenn die Sonne gerade untergeht? Es ist weniger hektisch als am Morgen, irgendwie versetzt zu den Erwartungen, die man während des Tages hat. In diesen Momenten beginne ich, in die dunklen Linien des Raums hineinzudenken. Es ist interessant, wie manche Räume zu Lehrer*innen werden, wie sie uns lehren zu leben, wie sie unsere Arbeitsroutinen beeinflussen und unsere täglichen Abläufe prägen. Darum geht es in meiner Arbeit: Vorkommen, an unterschiedlichen Orten, wieder und wieder. Es geht darum, eine Beziehung zu diesen Orten aufzubauen. Ortsspezifität ist ein Prozess der Orientierung und Skulptur ein Akt der Positionierung. Für mich sind die Türen meines Studios nie geschlossen. In meiner Arbeit geht es weder darum, im Studio zu bleiben, noch geht sie alleine aus diesem hervor. Einige Orte, die meine Arbeit beeinflusst haben, habe ich nur vorübergehend besucht, andere sind Teil meiner architektonischen Biografie. Es können undefinierte, verschwommene und unrealistische Vorstellungen von Orten sein, eher Imaginationen als tatsächliche Räume. Ich sehe ein Studio unter Palmen, Farnen und hoch gewachsenem Bambus. Seine Wände dehnen sich fließend aus, die Räume werden größer, ein Luftzug kommt durchs Fenster, das Tor ist offen. Ich komme dort an und es ist wirklich verrückt. Oh man, diese Farben, das Blau ist eigentlich grün, und der Wind ist so stark, die Wolken bewegen sich superschnell am Himmel, alles ist echt intensiv. Ich traue meinen Augen nicht und kann mein Glück kaum fassen. Ich trage diesen Ort in mir. Er erinnert mich an Leonora Carrington, die gesagt hat, dass Häuser Körper sind: „Wir verbinden uns mit Wänden, Dächern und Objekten so wie wir mit unserer Leber, unserem Skelett, Fleisch und Blut verbunden sind.“ Und es erinnert mich an Deborah Levy, die geschrieben hat, dass der Besitz von Immobilien immer sowohl ein Selbst- als auch ein Klassenportrait ist.

Ich sehe das Studio als Teil der delikaten Beziehung zwischen Leben und Arbeit. Die Arbeit reagiert auf das Leben, das Leben reagiert auf die Arbeit. Ich bin mir nicht sicher, was Erinnerung mir bedeutet, ich weiß nur, dass die Vergangenheit ein Teil von mir ist. Diese große, nicht mehr lebende Malerin hat mal gesagt: Identität ist das, woran wir uns erinnern, sie ist auch das, wofür wir uns entscheiden und sie kann eine Überraschung sein. Identität ist nicht fest wie ein Stein. Sie ist mehr ein Salzziegel, ein Ding, das entsteht und sich stetig verändert. Wie ein Zeichen für eine unfassbare Zeitspanne, die weit über die Dauer von allem, was daraus gebaut werden kann, hinausgeht. In vielerlei Hinsicht kann ich meinen Erinnerungen nicht entkommen. Alle Orte, an den ich jemals gearbeitet habe, sind immer noch hier. Manchmal bin ich erstaunt darüber, wie ich die Geschichte mit mir rumtrage, ohne dass es mir auffällt. In diesem Sinne gibt es weder den Blick hinein ins Studio noch den aus ihm heraus. Gegenstände werden miteinander kombiniert um andere Gegenstände zu werden, um eine andere Erfahrung zu ermöglichen. Drinnen und Draußen passieren zur gleichen Zeit. So wie Distanz und Sichtbarkeit sind es austauschbare Positionen, nicht nur in ihrer räumlichen Anordnung, sondern auch zeitlich. Ich habe auf jeden Fall gelernt, mich locker zu machen.

Räume bekommen Bedeutung durch soziale Übereinkünfte, die durch ihre Nutzung bestimmt werden, die variieren kann. Mein Studio ist immer wieder anders. Hin und wieder wird der Faden aufgenommen, neu verknüpft, ausgerichtet, gelockert, begradigt. Ich bin neugierig, ich kann es mir leisten, neugierig zu sein. Heute habe ich mich entschieden, Troy Brauntuch zuzuhören: „Ich sollte wahrscheinlich ehrgeiziger sein“, sagt er, „aber ich gehe nicht gerne in mein Studio. Ich mag es nicht, Dinge zu machen. Ich mag es, darüber nachzudenken, etwas zu machen, und die Arbeit zu sehen, wenn sie fertig ist. Es ist eine sehr schwierige Sache, etwas immer weiter zu machen. Erst am Ende, wenn das Werk da ist, weißt du, warum du es gemacht hast.“ Das ist das Gegenteil des vermeintlichen Privilegs, in das Atelier einer Künstlerin eingeladen zu werden um einen Einblick in ihr tägliches Leben, ihre Gedanken zu ihrer Arbeit, ihre Kindheit und ihre Sorgen (finanzielle, ästhetische, als Mutter) zu bekommen. Es ist das Gegenteil des vermeintlichen Privilegs, die Freuden und Entbehrungen von Künstler*innen mitzukriegen. Darum gefällt es mir, danke, Troy. Am Ende geht es doch immer um den Wunsch, Objekte entstehen zu lassen, sie mit ihrer Umgebung zu verbinden und sie dabei zu beobachten, wie sie sich verändern und wachsen. Genau wie Häuser sind auch Werkzeuge und Materialien nicht leblos. Sie nehmen teil, sie arbeiten mit, sie beeinflussen, was man denkt und was man tut. 

Es gibt noch mehr, worüber ich sprechen möchte, und da ich gerne Fragen stelle, möchte ich so fortfahren: Was passiert mit der Arbeit, wenn sie alleine im Studio ist, wenn die Künstlerin nicht da ist? Ist das Studio immer noch ein interessanter Ort, wenn die Künstlerin nicht anwesend ist? Was bedeutet es, diesen Ort zu kennen? Was für ein Ort ist es nachts? Was bedeutet es, nah oder fern zu sein? Gibt es einen Teil in mir, der in der Distanz nah bleiben kann? Vielleicht verstehe ich endlich, was du sagst, dass ein Ort aus der Gegenwart hinaustreten kann. Es ist, als hätte man den Schlüssel und als hätte man ihn nicht. Es ist wie etwas, das du weder loswerden kannst, noch etwas, auf das du dich verlassen solltest. Es ist fließend, so als würde man einen Ort mit einem anderen verbinden, als würde man in einem Raum arbeiten und von einem zweiten träumen. Das ist der Raum, in den ich wieder und wieder zurückkomme.

 

Quellen:
https://theculturetrip.com
Chantal Akerman
Alice Sparkly Kat
Amina Cain
Solange
Deborah Levy
Isabel Paige
Etel Adnan und Simone Fattal
Camila McHugh
Anne Truitt
Doris Lasch und Ursula Ponn

Übersetzt aus dem Englischen von Linguistic Services, überarbeitet von Mirjam Thomann.

Mirjam Thomann war mit Ihrem Werkvortrag „Theory & Action“ Teil der Veranstaltungsreihe Ein Haus für Künstler*innen

Verwandte Inhalte