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Künstlerhaus Bremen
Listening
Performance

23.02.2023

Wu De

Nouria Behloul

Die meisten von uns bleiben an einer roten Fußgängerampel stehen. Denn das ist eine der Regeln, die wir von klein auf lernen, Rot bedeutet: Stopp! Und die Hauptregel von Regeln ist, sich an die Regeln zu halten, denn sonst erfüllen die Regeln keinen Zweck.

Viele von uns mögen Regeln. Regeln vermitteln ein Gefühl von Sicherheit. Und gerade im Straßenverkehr erscheint uns Sicherheit besonders wichtig. Wobei eine natürliche Differenz zwischen tatsächlicher und vermeintlicher Sicherheit besteht. Dafür existieren Begriffe wie zum Beispiel Restrisiko. Dies soll den Glauben vermitteln, dass durch die richtige Mischung aus Daten, Technik und Wissenschaft Unvorhersehbares vermieden werden kann. Simultan werden diverse durch Daten, Technik und Wissenschaft produzierte Prophezeiungen bevorstehender Gefahren geflissentlich ignoriert. Wir können also die sogenannte Sicherheit, die uns im Allgemeinen durch Einhaltung von Regeln versprochen wird, ohne Weiteres als Illusion bezeichnen. Eine Illusion von höchster Qualität, keine Frage, deswegen glauben wir gerne an sie, selbst wenn wir uns eigentlich eines Besseren bewusst sind. Es ist zugegebenermaßen angenehmer, den Alltag mit einem wohligen Wenn ich alles richtig mache, kann mir nichts passieren zu bestreiten, als mit dem Wissen, dass jeder Quadratmillimeter Bodenfläche verfalltürt ist.
Es geht also nicht nur um das Gefühl von Sicherheit, Bequemlichkeit scheint auch eine Rolle zu spielen.

Wir befinden uns auf einer stark befahrenen Straße. Ein beliebiger Abend an einem Werktag, entsprechend ist ein Großteil der nicht beschäftigungslosen Individuen unterwegs. Das bedeutet, die ohnehin stark befahrene Straße ist noch stärker befahren. Dieses Phänomen nennen wir Feierabendverkehr. Wir leben in Verhältnissen, in denen wir den größten Teil unserer Lebenszeit mit sogenannter Lohnarbeit verbringen. Wir leisten also Arbeit und erhalten dafür Geld. Dieses benötigen wir unter anderem für die Bezahlung des Transportmittels, welches wir benutzen, um zur Lohnarbeitsstelle zu gelangen. Zum Beispiel in Form einer Zeitkarte des öffentlichen Personennahverkehrs oder im Erwerb fossiler Brennstoffe, unerlässlich zur Betätigung eines Personenkraftfahrzeugs. Aufgrund einer Verkettung einiger durchaus vermeidbarer Umstände ist es vielen von uns nicht möglich, in unmittelbarer Nähe der Lohnarbeitsstelle zu wohnen, da der dort erworbene Lohn in den meisten Fällen verhältnismäßig niedrig, beziehungsweise das Wohnen oft nicht nur in einzelnen Viertel, sondern in der ganzen Stadt unverhältnismäßig teuer ist.
Wie dem auch sei, wir befinden uns auf einer stark befahrenen Straße. Es ist früher Abend, die Tage werden langsam länger, respektive die anteilige Anzahl heller Stunden erhöht sich. Es ist also noch nicht dunkel. Und das erfreut uns, denn selbst wenn unser gesamtplanetarisches Benehmen anderes vermuten lässt, stehen wir in einem nicht zu leugnenden Verbundenheitsverhältnis mit anderen und anderem Lebenden, wie zum Beispiel Pflanzen. Wir haben ähnliche Bedürfnisse, benötigen insbesondere Wasser, Luft und Licht, und ein nährstoffreicher Boden und Liebe können eine besonders schöne Blüte begünstigen.
Wir sind zu Fuß unterwegs. Für die Dauer dieses Textes befinden wir uns in einem Zustand des Beobachtens, wir sind also nicht in Eile. Da wir zu Fuß unterwegs sind, gehen wir auf dem dafür vorgesehenen Gehsteig. Auf der Straße brummt und qualmt und quietscht und blinkt und klingelt und blinkt nicht und hupt und schlängelt es. Da wir auf die andere Straßenseite möchten, müssen wir die starkbefahrene Straße überqueren. Es ist nicht unmöglich, wohl aber ein wenig gewagt, wenn nicht sogar gefährlich, deswegen gibt es Regeln wie dies von statten zu gehen hat: Es ist verboten, die Straße einfach so zu überqueren. Also einen günstigen Moment abzuwarten. Das Abwarten eines günstigen Moments besteht jedoch nicht aus bloßem Warten auf ein Intervall verringerten Verkehrsaufkommens. Das Abwarten eines günstigen Moments besteht auch aus einem Abwägen von Situationen und deren Verhältnissen, unter anderem zum Beispiel der Geschwindigkeit des eigenen Gangs in Relation zu der Entfernung des nächsten sich nähernden Fahrzeugs. Das Abwarten eines günstigen Moments ist eine genaue Evaluierung mehrerer komplex miteinander verbundener Faktoren. Nichtsdestotrotz sind wir in der Lage, diese Aufgabe binnen Sekunden zu meistern. Doch es ist nicht erlaubt. Und angesichts des tageszeitbedingten erhöhten Verkehrsaufkommens und der ebenfalls tageszeitbedingten potenziellen Müdigkeit aller Verkehrsteilnehmenden und der mit der Tageszeit nicht in Verbindung stehenden allgemeinen Unlust zu Gedankenakrobatik jeglicher Art ist es nur allzu verständlich, dass wir anstatt auf einen günstigen Moment auf das Grün der Fußgängerampel warten.
Dieses Warten ist von einer völlig anderen Beschaffenheit. Keinerlei Evaluierung mehrerer komplex miteinander verbundener Faktoren, keine potenziell Stress erregende Gedanken über die eigene Geschwindigkeit und die körperliche Verfassung im Allgemeinen, die völlige Absenz der Notwendigkeit jeglicher Art von Gedankenakrobatik. Dieses Warten birgt die Möglichkeit eines tatsächlichen Innehaltens. In Zeiten absoluter Produktivitätsmaximierung kann es uns allerdings schwerfallen, unseren auf extreme Effizienz getrimmten Geist ruhen zu lassen, also auch nicht an die nicht erledigten und die noch zu erledigenden Aufgaben des Tages, der Woche, des Monats, des Jahres oder des Lebens zu denken. Diesem Warten wohnt ein meditatives Potenzial inne. Nicht im Sinne einer Nummer im Achtsamkeitszirkus, sondern im Sinne von Kung-Fu. Wir können den Himmel betrachten und uns über das vorfrühlingshafte Abendrosa freuen oder den Wartenden auf der anderen Straßenseite ein komplizenhaftes Lächeln schenken oder die Augen schließen und den Lichtplankton, der in unseren Wassern schwimmt bewundern. Das meditative Potenzial dieses Innehaltens beinhaltet auch ein revolutionäres. Aufgrund der gesetzlichen Regelungen, ist es eine gesamtgesellschaftlich anerkannte Selbstverständlichkeit, dass Personen in unmittelbarer Nähe von Fußgängerampeln herumstehen und nichts tun. Diese Selbstverständlichkeit können wir nutzen, um länger als die Dauer einer Rotphase stehenzubleiben und uns dem allgemeinen Imperativ der optimalen Zeitnutzung einige Minuten zu entziehen. Kontemplativer Mikrowiderstand.
Wir warten also auf ein grünes Licht, nicht unbedingt das erstbeste, wir nehmen uns Zeit, denn um Zeit zu haben, müssen wir sie uns nehmen und das machen wir heute. Dann gehen wir über die Straße und die Dinge ihren Lauf.

Einige Stunden sind vergangen und wir befinden uns erneut in der Situation, dass unser Weg, auf dem wir nach wie vor zu Fuß unterwegs sind, von einer Straße gekreuzt wird. Es handelt sich um die gleiche Straße wie vorhin, doch sie ist kaum wiederzukennen: Kein Brummen, kein Qualmen, kein Quietschen, kein Blinken, kein Klingeln, kein Nichtblinken, kein Hupen, kein Schlängeln. Es ist schon so spät, dass es noch sehr früh ist und die absolute Mehrheit sowohl der Erwerbstätigen als auch derer, die sich in keinem arbeitsbedingten Abhängigkeitsverhältnis befinden, schläft. Vielleicht schlafen nicht alle, einige liegen aus ihnen unerfindlichen Gründen wach oder sie schauen nur noch eine Staffel einer wahnsinnig spannenden Serie oder sie trösten ein zahnendes Kind oder sie schmusen frischverliebt. Jedenfalls befindet sich niemand auf der Straße und auch nicht auf dem Gehsteig. Die ansonsten starkbefahrene Straße ist leer. Sie liegt in der Stadt wie ein schlafender Fluss im Wald.
Wir nähern uns einem Zebrastreifen, den wir, konditioniert wie wir sind, trotz der Abwesenheit von Verkehr, automatisch angepeilt haben. Die Fußgängerampel ist Rot.

Die meisten von uns bleiben an einer roten Fußgängerampel stehen. Denn das ist eine der Regeln, die wir von klein auf lernen, Rot bedeutet: Stopp! Und die Hauptregel von Regeln ist, sich an die Regeln zu halten, denn sonst erfüllen die Regeln keinen Zweck.
Viele von uns mögen Regeln. Regeln vermitteln ein Gefühl von Sicherheit. Und gerade im Straßenverkehr erscheint uns Sicherheit besonders wichtig. Wobei eine natürliche Differenz zwischen tatsächlicher und vermeintlicher Sicherheit besteht.
Im allgemeinen Sprachgebrauch verstehen wir unter Regel eine gesetzliche Vorschrift. Eine Zuwiderhandlung stellt einen Straftatbestand dar. Und ein Straftatbestand kann juristische Konsequenzen haben, es kann also zur Strafverfolgung kommen. Eine Strafverfolgung ist eine legitime Androhung von Gewalt und/oder deren legitime Ausführung. Die Verwaltung von Angst ist die mit Abstand wichtigste administrative Tätigkeit in unserem Sonnensystem.

Bei bürokratischem Wissen geht es immer um Schematisierung. In der Praxis bedeutet das ausschlieslich Theorie. Bürokratische Strukturen beruhen immer auf der Ignoranz gegenüber allen Feinheiten der realen sozialen Existenz. Alles wird auf vorgefasste, vorverfasste, mechanische, statistische Formeln reduziert. Und die ganzen Formulare, Statistiken, Fragebögen und Gesetze erscheinen uns so furchtbar unnötig kompliziert, eben weil es um Vereinfachung geht. Es geht immer um Vereinfachung. Der Effizienz wegen. Damit es leicht skalierbar ist. Das ist das Bindeglied zwischen kolonialen Monoplantagen und zentraleuropäischem Straßenverkehr. Mit anderen Worten: Es hat sich nicht viel geändert. Wir sprechen nicht von einer strukturellen Gewalt, sondern von einer Struktur der Gewalt, die die Bedingungen unserer Existenzen bestimmt.

Es gibt einige unter uns, die auch an einer starkbefahrenen Straße nicht auf grünes Licht warten, trotz der realen Gefahr durch den Verkehr und unter Missachtung der für Fußgänger geltenden Regelungen. Die Gründe können unterschiedlicher Natur sein: Ungeduld oder Farbenblindheit oder der Wunsch, die Administration des eigenen leiblichen Wohls und also die Vermeidung potenzieller Gefahren für dieses autonom zu handhaben, oder weil es ihres Erachtens keinen Sinn ergibt, im Falle eines Eintretens eines günstigen Momentes diesen nicht zu nutzen, sondern weiterhin zu warten, bis die Rotphase der Fußgängerampel endet.
Es geht bei der genauen Evaluierung mehrerer komplex miteinander verbundener Faktoren also auch darum, in welchem Verhältnis die Gesetzgebung in dem Moment zur Realität steht, ob also eine Sinnhaftigkeit besteht.

Wie steht es um die Sinnhaftigkeit des gesetzlich angeordneten Stehenbleibens an einer roten Fußgängerampel an einer Straße ohne jeglichen Verkehr?
Der Einsatz von Lichtsignalanlagen ist hauptsächlich in der Regelung des Verkehrsflusses und dem Unterbinden von gefährlichen und dem Vermeiden von gefahrenträchtigen Situationen begründet. Da wir uns aber zu einer Unzeit in der Stadt herumtreiben, befinden sich keine anderen Verkehrsteilnehmenden auf der Straße, die es voneinander zu schützen und deren Flow es zu regeln gilt. An einer roten Fußgängerampel an einer Straße ohne jeglichen Verkehr steht es schlecht um die Sinnhaftigkeit des gesetzlich angeordneten Stehenbleibens.
Wir gehen also einfach so über die Straße. Einige unter uns möchten das nicht. Nicht aus Liebe zur Vorschrift, sondern aus Angst vor möglichen Konsequenzen. Nicht nur juristische Konsequenzen, auch gesamtgesellschaftliche. Denn wenn wir bestehende Gesetzgebungen situativ nach ihrer Zweckhaftigkeit untersuchen, dann ist die Grundregel der Regeln, dass wir uns nämlich an sie halten, gebrochen und dann, dann kann ja nur Chaos ausbrechen und Chaos ist schlecht, weswegen es ja eben Regeln gibt, damit Ordnung herrscht. Deswegen gibt es unter denen, die keine Regeln missachten möchten auch jene, die auch nicht möchten, dass andere das tun, weil ihnen das nämlich das Gefühl vermittelt, ihre systemerhaltenden Bemühungen seien sinnlos und sinnentleertes Verhalten ist uns zuwider. Außer es dient dem Erhalt von Ordnung, ein schrecklich einfacher Begriff für die Bezeichnung eines Systems, das auf Ausbeutung eines Großteils der Weltbevölkerung und der Zerstörung der Lebensgrundlage der gesamten Weltbevölkerung zugunsten des finanziellen Profits einiger weniger Individuen beruht.
Es geht um Leben und Tod. Vielleicht ist das auf den ersten Blick nicht ersichtlich. Aber spätestens, wenn ich mich durch meine bei einem Unglücksfall oder einer gemeinen Gefahr oder Not erbrachte Hilfeleistung strafbar machen kann, ist klar, dass gesetzwidriges Verhalten Pflicht ist. Trotz möglicher juristischer Konsequenzen. Trotz der allgemeinen Unlust zu Gedankenakrobatik. Unsere Angst vor Gewalt darf niemals die Gewalt an anderen rechtfertigen. Da wir darauf konditioniert sind, nichts falsch zu machen, werden wir das üben müssen. Lektion eins: Grundlagen der Autonomie: Wir überqueren eine Straße.

Vom 20.11.2022 bis 8.1.2023 war von Nouria Behloul […] les murs se sont mis à parler ( dt. die Wände haben begonnen zu sprechen) in der Reihe „Re-Framing“ in den Posterrahmen im Tunnel vor der GAK zu sehen. Nouria Behloul versteht Collage und Poesie als Werkzeuge an der Schnittstelle von kollektivem Wissen und öffentlichem Raum. Mittels gesprochenem Text und Sound untersucht sie die Möglichkeiten von Widerstand in Gesellschaft, Politik und Kultur.

Nouria Behloul (*1989, lebt in Marseille/Frankfurt) studierte Transmediale Kunst in Wien. Ihre Lesungen und Lecture Performances fanden zuletzt u.A. statt im Rahmen von „Über Brücken – Bridging“, Köln, abc Projektraum, Hamburg, hopscotch reading room, Berlin (2022), im Mousonturm, Frankfurt (2021) und dem öffentlichen Raum von u.A. Frankfurt, Wien, Los Angeles und Berlin. Sie ist Teil von diversen kollektiven Research Projekten, unter anderem mit Catharina Szonn zu Verhältnissen von Kulturproduktion und mit andpartnersincrime zu Kunst als Raum für Wissensaustausch. Mehrere Rechercheaufenthalte in Kalifornien und Mexiko zu „oral storytelling“ in indigenen Kulturen und „spoken word“ in Popkultur.

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